Diese Reportage erschien auf der Website www.Reise-Stories.de – einem Portal, auf dem professionelle Journalist(inn)en objektv über ihre Erlebnisse unterwegs berichten

Voll geerdet!

Barfußwandern im Kraftfeld

Manchmal ist das ja so ein Ding mit dem Hirnkasterl und den verwirrten Überlegungen, die jenes hervorbringt, wenn man in Eile ist und die Zeit kaum reicht, um klare Gedanken zu fassen. Dann verselbständigen sich diese eben. Mitunter ist das Ergebnis lachhaft bis kurios. Und so frage ich mich kurz vor  7 Uhr morgens allen Ernstes: „Welche Schuhe ziehe ich bloß zum Barfußwandern an?“

Text von Johanna Stöckl

Wobei, richtig dumm war die Frage nicht. Sie ist berechtigt. Ein paar Minuten später steht Hotelgast Fred tatsächlich ohne Schuhwerk in die Lobby, während ich in Flipflops antanze. Beides falsch. Zurück aufs Zimmer! Legere Sportschuhe seien ratsam, erfahren wir an der Rezeption, da die Wanderung nicht unmittelbar vor der Haustür, sondern im nahegelegen Wald startet. Zur Vorsicht bringe ich einen Rucksack, die Kamera und ein kleines Handtuch mit. Man weiß ja nie!

Barfußwandern also. In aller Herrgottsfrühe. In Begleitung einer Fachkraft. Im wohlverdienten Urlaub. „Kann man, muss man aber nicht“, denke ich mir insgeheim. Während der Geruch von frisch gebackenem Brot um meine Nase wedelt, träume ich von verlockenden Alternativen. Kopfkino: Ich könnte jetzt eine Runde im Außenpool schwimmen. Mich von der Morgensonne ein wenig liebkosen lassen. Mich im Anschluss am opulenten Frühstücksbuffet vergehen. Aber meine Neugierde, ich verdamme sie zu früher Stunde, hat mich dazu bewogen, bloßfüßig durch die Prairie zu schlappen. Ob die Wanderung esoterisch wird? Werde ich Bäume umarmen, unter Umständen sogar mit Elfen sprechen müssen?

Über 1.000 Meter Seehöhe ist man bekanntlich meist per Du. Auch die Barfuß-Expertin, Frau Wibmer, stellt sich mit einem starken Händedruck und einem fröhlichen „Guten Morgen, ich bin die Irmi“ vor. Auf den ersten Blick ist die fesche Frau das Gegenteil einer schrulligen Esoteriktante. Sportive Statur, strahlendes Lächeln, das volle blonde Haar in einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, Sonnenbrille auf dem Kopf, pinkfarbenes T-Shirt, halblange braune Wanderhose. Noch in Schuhen verlassen wir die Hotelhalle und schlendern Richtung Dorferbach. Auf der Holzbrücke hält Irmgard erstmals an: „Seht ihr wie trüb das Wasser ist? Oben in den Bergen war es die letzten Tage ungewöhnlich warm. Das Schmelzwasser der Gletscher und Schneefelder führt viele Sedimente mit.“ Die 44-jährige Osttirolerin, die seit 20 Jahren mit ihrer Familie in Kals lebt, präsentiert sich nicht nur optisch bodenständig. Sie ist als Kind der Berge vor allen Dingen eins: Erdverbunden und naturbegeistert.

Das kann man angesichts der fantastischen Bergwelt hier in Kals auch werden. Das Dorf, in dem 1.300 Menschen leben, ist umringt von steilen Felsen. Die imposante Blauspitze etwa, die sich unmittelbar hinter dem Hotel auftürmt, sieht aus wie ein kleines Matterhorn. Alleine der Silhouette wegen beschließe ich den formschönen Gipfel einmal zu besteigen. Mindestens so einladend duften auch gerade die frisch gemähten saftig-grünen Wiesen, die sanft in Richtung Dorf abfallen. Man möchte spontan in die Knie gehen, um daran zu riechen.

Am Lavoreswald angekommen, bittet uns Irmgard an einer Holzbank die Schuhe auszuziehen und im Rucksack zu verstauen. Wir gehen los. Barfuß laufen wir zum Einstand über einen samtig weichen, bemoosten Boden, welcher so früh am Morgen noch richtig feucht ist. Gänseblümchen, zartgelbe Brillenschötchen und lilafarbener Quendel sorgen für bunte Farbkleckse auf dem soften Untergrund. Federleicht der Gang auf diesem zarten Zauberkissen der Natur. Mein Kopf schlägt wieder Purzelbäume. Das Lied „Im Frühtau zu Berge wir gehen, fallera“ kommt mir in den Sinn. Wie war das gleich? „Wir wandern ohne Sorgen, singend in den Morgen, noch ehe im Tale die Hähne krähen …“

Angenehm prickelnd und belebend wirkt die feuchte Frische auf den Fußsohlen.  „Sollte einem während der Wanderung von unten her kalt werden, bitte sofort die Schuhe anziehen, sonst holt man sich eine Erkältung, was nicht Sinn der Übung ist“, erklärt Irmgard. Und tatsächlich empfinde ich den Morgentau an meinen Fußsohlen nach ein paar Minuten als störend kalt. Just in diesem Moment betreten wir spürbar wärmeren Waldboden, der mit Tannennadeln übersät ist. Sie stechen und pieksen, was zur Folge hat, dass Freds Gangbild anfangs etwas staksig wirkt. Auch ich laufe alles andere als rund. Kann ich ohne Schuhe etwa nicht mehr richtig laufen? Wann war ich das letzte Mal barfuß unterwegs? Regelmäßig am feinen Sandstrand, ja, das schon. Im Garten auch. Aber auf einer Wiese oder gar im Wald?

Während ich darüber grüble, muss ich langsamer gehen, konzentriert auf den Boden schauen, um den natürlichen Hindernissen, wie herumliegenden kleinen Ästen, Tannenzapfen oder Wurzeln auszuweichen. „Seht ihr, wie das Barfußwandern die Sinne schärft“, stellt Irmgard zufrieden fest und fährt fort, „so gesehen ist das zugleich eine Achtsamkeitsübung.“ Im Gegensatz zu uns schlendert Irmgard entspannt über den Waldboden als würde sie auf Watte gehen. Ihre Füße haben sich längst an den rauen Untergrund gewöhnt. Die studierte Gesundheitspädagogin läuft den ganzen Sommer barfuß durch die Landschaft. Nicht nur mit Hotelgästen, auch in ihrer Freizeit. Sogar bei Bergtouren verzichtet sie auf Wanderschuhe. „Der unmittelbare Bodenkontakt erdet einen und stärkt erwiesenermaßen das Immunsystem.“ Ihre drei Kinder verzichten im Sommer ebenfalls auf Schuhwerk und seien immer pumperlgsund: „Penicilline brauchen wir zu Hause nicht.“

In jungen Jahren verbrachte Irmgard die Sommerferien immer gemeinsam mit ihren Eltern und den sieben Geschwistern auf einer Alm. Dort oben sei das Barfußgehen ganz normal gewesen. „Schuhe haben wir nur getragen, wenn wir sonntags in die Kirche mussten.“ Von ihrem Vater, der als Waldaufseher tätig war, hat sie schon in jungen Jahren viel über den Lebensraum Wald gelernt. Der Rest kam von der Mutter, deren Schwerpunkt auf der Heilkraft der Kräuter lag. Man lebte einfach, aber im Einklang mit der Natur. Teures Fleisch oder Wurstwaren kamen, wenn überhaupt, an Feiertagen auf den Teller. Ansonsten ernährte man sich weitgehend vegetarisch, ohne dabei an irgendeine Philosophie zu denken. Man aß, was Garten und Wald eben hergaben: Kartoffeln, Gemüse, Salat, Pilze, Kräuter und selbstgemachte Marmeladen. Und war kerngesund.

Nach etwa 30 Minuten weist uns Irmgard an, ein paar Schritte im Dorferbach zu wagen: „Erst mit dem rechten Fuß ins Wasser steigen, dann mit dem linken. Das ist gut fürs Herz.“ Das 10 Grad kalte Bergwasser zeigt sofort Wirkung. Meine Beine durchbluten stark und röten sich. Auf einem glatt geschliffenen Stein knietief im Gebirgsbach zu stehen, ist für meine vom Waldboden beanspruchten Füße jetzt die reinste Wohltat. Ganz nebenbei kommt mein Kreislauf um 7.30 Uhr so richtig in Schwung.

Nach der kurzen Kneippeinheit setzen wir unsere Wanderung auf angenehm weichem Terrain fort. Ich habe das Gefühl zu schweben, so leicht sind meine Füße jetzt. Über blühende Wiesen geht es zu einem kleinen Weiher. Instinktiv steigen mein Mitwanderer Fred und ich ins Wasser. Der Sandboden am Grund wirkt wie ein Peeling auf den Fußsohlen, die sich nach dem spontanen Wassertreten samtig weich anfühlen. „In der Tat, wer regelmäßig barfuß wandert, braucht keine Termine bei der Pediküre“, bestätigt Irmgard lachend.

Als wäre es das Normalste auf der Welt erwähnt Irmgard ganz nebenbei, dass die Region, in der wir wandern, ein einziges Kraftfeld sei. Wasser- und besondere Gesteinsadern verlaufen hier neben so genannten Verwerfungen und kreieren in Kombination mit Erdlinien starke Energiefelder. Wer seine Sinne schärft, sich auf diese Energien einlasse und offen dafür sei, könne sie spüren. In der Tat geht von einer Stelle, an der ich innehalte um einem Vogel zu beobachten, eine starke Wärme aus. Als würde mich eine magische Kraft regelrecht nach unten ziehen, verharre ich minutenlang an diesem Ort. Irmgard findet meine unbeholfene Beschreibung der Situation nicht weiter ungewöhnlich: „Siehst du den Ameisenhaufen links neben dir? Ein eindeutiges Indiz dafür, dass hier entsprechende Energielinien verlaufen. Du hast sie instinktiv gespürt.“

Nach einer guten Stunde endet die Barfußwanderung. Ich fühle mich von innen gestärkt und habe Kraft für zehn. Bin ich jetzt voll geerdet?

 

INFO

Wer mit Irmgard Wibmer barfuß wandern möchte, kann dies im Gradonna Mountain Resort in Kals erleben. Dort ist die Gesundheitspädagogin ganzjährig angestellt und mit Hotelgästen aktiv in der Natur unterwegs.


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